Ich möchte gern Bücher empfehlen. Bücher sind die Begleiter in der Zeit, die man mit sich selbst verbringt.
Die Empfehlungen auf dieser Seite werden wechseln. Ich melde mich immer, wenn ich wieder etwas Neues gefunden habe.
Neu! Joseph Mitchell, McSorley’s Wonderful Saloon, New Yorker Geschichten
Aus dem amerikanischen Englisch von Sven Koch und Andrea Stumpf
Diaphanes Verlag, Zürich 2011
Joseph Mitchell: Journalist in extravaganter Kleidung. Er wäre lieber eines gewaltsamen Todes gestorben, als mit einem schlechten Satz erwischt zu werden. So wurden seine Reportagen zu Kurzgeschichten, nicht weil der Mann Schriftsteller sein wollte, sondern weil er einer ist. Joseph Mitchell, der Mann mit dem genauen Blick und den noch genaueren Ohren starb 1996. Er war 1929 von North Carolina nach New York gekommen. Da war er einundzwanzig. Die Herkunft aus den Südstaaten führt er selber als einen wichtigen Einfluss für sein Schreiben an, das er in zwei Sätzen zusammenfasst: „ Mein Thema waren nicht die kleinen Leute. Sie sind so groß wie du und ich, ganz egal, wer wir sein mögen.“
Seine Reportagen aus den Jahren zwischen 1938 bis in die Fünfziger, die er für den New Yorker schrieb, sind jetzt auf Deutsch erschienen. Es sind Porträts über Menschen, auf die selten jemand genau schaut, geschweige denn dass einer den Scheinwerfer auf sie richten würde. Joseph Mitchell geht in die Hafen- und Einwanderungsviertel, er geht in die Kneipen. Er geht zu den Verrückten, den Predigern und Bettlern, zu den Zigeunern und auch zu Mazie Gordon, die an der Kinokasse des Venice Theaters in der Park Row sitzt, da wo die Bowery beginnt, da wo auch McSorley’s ist, die älteste Kneipe der Stadt, der Saloon, der Mitchells New Yorker Geschichten den gemeinsamen Familiennamen gegeben hat.
Eines Tages, dreißig Jahre vor seinem Tod, hört Mitchell auf zu schreiben, kommt aber noch jeden Tag in die Redaktion. Man hört ihn sogar tippen, hinter verschlossener Tür. Seltsam ist meine Leseerfahrung mit diesen in dem Band „McSorley’s Wonderful Saloon“ versammelten Geschichten. Das Buch ist 416 Seiten dick, aber eigentlich ist es noch viel dicker, wenn man es genau liest. Denn die Texte, die Mitchell in den letzten dreißig Jahren seines Lebens nicht mehr geschrieben hat, sind mit dabei, unsichtbar, aber lesbar, wenn man genau hinschaut und genau hinhört, wie es der Autor einen gelehrt hat.
Stewart O'Nan, Das Glück der anderen
Deutsch von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag
Empfohlen hat mir das Buch eine Frau, die eigentlich Filme macht. Das Besondere sei nicht nur die Geschichte, sondern auch die Perspektive, sagte sie. Wie jeder Erzähler bin ich an der Perspektive interessiert, vor allem, wenn sie so ungewöhnlich ist wie bei O´Nan.
„Das Glück der anderen“ spielt nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Jacob Hansen, Sheriff, Prediger und Leichenbestatter lebt mit Frau und kleiner Tochter in Friendship/Wisconsin. Friendship ist eine sterbende Bergarbeiterstadt, über die mit apokalyptische Wucht eine Seuche hereinbricht. Diphtherie? Oder Schlimmeres? Als zwanzig Menschen gestorben sind auch Frau und Tochter von Hansen, was er jedoch verheimlicht, weil er mit den Toten weiterlebt, als sei nichts geschehen verhängen Arzt und Sheriff Quarantäne über die Stadt. Zu spät. Alles ist noch viel unheimlicher und existentieller als ich hier andeuten kann.
Und die Perspektive?
O´Nan wählt die 2. Person Singular. Er erzählt sich selber, was geschieht, während es geschieht. Er sagt DU und meint damit sich selbst und vielleicht auch Gott. Als Leser ist man in eine beklemmende Intimität mit hinein gezogen und fühlt sich bei so manchem DU auch angesprochen. Man wird auf eine seltsame Art neugierig auf Gott, auch wenn Hansen immer mehr mit diesem hadert.Seltsam ist meine Leseerfahrung mit diesen in dem Band „McSorley’s Wonderful Saloon“ versammelten Geschichten. Das Buch ist 416 Seiten dick, aber eigentlich ist es noch viel dicker, wenn man es genau liest. Denn die Texte, die Mitchell in den letzten dreißig Jahren seines Lebens nicht mehr geschrieben hat, sind mit dabei, unsichtbar, aber lesbar, wenn man genau hinschaut und genau hinhört, wie es der Autor einen gelehrt hat.
T.S. Eliot, Das öde Land
Neu übersetzt von Norbert Hummelt, Suhrkamp Verlag
Mit der Sprachsonde stöbert er in den Hinterlassenschaften der Jahrhunderte herum, während er gleichzeitig heimatlos durch seine eigene Zeit streunt. Dabei herausgekommen ist eine Ikone der Moderne. Das Langgedicht "The Waste Land" (1921) Die Lektüre von Shakespeares "Sturm", von Bibel, Baudelaire, Augustinus, Dante, Hesse, um nur Weniges von Eliots verinnerlichter Bibliothek aufzuzählen, hat bei Eliot unauslöschliche Bilder in der Seele hinterlassen, die heute noch bis zu uns herüber leuchten, weil er dafür eine Sprache fand. Eliot war einer, der sich bezog auf das, was auf ihn eindrang, egal ob es sich dabei um die Stimme des blinden Sehers Teiresias aus der Antike oder das Stimmengewirr in der U-Bahn, egal, ob es sich um den Jazz Rhythmus aus einem Pub, oder das rhythmische Erlebnis beim Lesen von Terzinen handelte. Und das alles hat er in ein "Stück rhythmischer Quengelei" verwandelt, sagte er selber. Diesen Kulttext hat jetzt Norbert Hummelt (Jahrgang 1962) mit dem Titel DAS ÖDE LAND neu übersetzt. Mir gefällt diese Übersetzung. Sie ist direkt, fast flapsig. Sie wird in zwanzig Jahren aber welche Übersetzung hat das Schicksal nicht? auch überholt sein. Sie ist es jetzt schon fast schon, willentlich und wissentlich, denn sie lehnt sich an die Sprache der achtziger Jahre an. Die Übersetzung nimmt die Bewegung und Bewegtheit des ersten Lesens von Hummelts Generation wieder auf und setzt Eliot nicht auf eine Kunstsäule, die mehr Respekt abverlangt als der Dichter der "rhythmischen Quengelei" es selber je wollte.
Stewart O´Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren, arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte Literatur. Für seinen Debütroman „Engel im Schnee“ bekam er 1993 den Faulkner Preis.
Uwe Kolbe, Diese Frau, Liebesgedichte
Mit Farbholzschnitten von Hans Scheib, Insel-Bücherei Nr. 1297
Ein zwanzigjähriger Wehrdienstleistender, ein dreißigjähriger
Entdeckungsreisender, ein vierzigjähriger Familienvater und ein
fünfzigjähriger Schriftsteller legen hier gemeinsam ihre Liebes-
gedichte vor. Sie tun dies unter dem ein und demselben Namen ...
sagt er, Autor Uwe Kolbe in seiner Nachbemerkung.
Ich zitiere die Seite 74:
Lieblos,
nein, ohne Liebe nur,
An einem anderen Band?
Nein, auf keinem anderen Grund
als dem aus Kindersand.
Nach Jahreszeiten geordnet,
nach Feuchte und Luftdruck
und wechselnder Temperatur.
Nicht schlimm, ohne Liebe nur.
Zu Gedichten kann ich nicht viel sagen. Lese nicht oft welche. Aber
die hier, unbedingt!
Michael Ondaatje, Divisadero, Hanser Verlag
Der Farmer kommt mit der neugeborenen Tochter Anna allein aus dem Krankenhaus zurück. Seine Frau ist im Kindbett gestorben wie die Mutter der kleinen Claire. Also hat er Claire, den Wechselbalg, auch gleich mitgenommen. Jetzt ist er Witwer mit drei Kindern, denn daheim wartet noch der Nachbarssohn Cooper, Vollwaise. Er war vier, als er als einziger ein Gewaltverbrechen überlebte, das seine Familie auslöschte. Alle Geschichten gehören irgendwie zusammen. Alles, was gerade noch gesagt ist, ist auch gleich wieder etwas anderes, und was diese Welt von „Divisadero“ in ihrem Innersten zusammenhält, das ist die Schönheit von Michael Ondaatjes Sprache. Sie ist so kräftig und schön wie das Gesicht von Cooper, in das sich seine Schwester Anna verliebt, die nicht seine richtige Schwester ist. Coopers Gesicht hat auf Fotos keine deutlichen Züge, keine Physiognomie, die Ondaatje in feste Sätze gefasst hätte. Die Geschwister Anna und Cooper, die mit Claire zusammen ein dreiteiliger Paravent sind, jeder für sich eine Einheit doch mit den anderen beiden zusammen ein Ding voller Überraschungen und Schattierungen, erwischt der Alte bei der Liebe. Schuld ist der warme Regen. Der Regen macht melancholisch und weckt die schmerzliche Lust auf Liebe, die einen anfällt, wenn Glücklichseinwollen und Traurigseinmüssen streiten, bis man selber nicht mehr Mensch ist, sondern Wetter. Als der Alte die beiden erwischt, schlägt er Cooper die Seele taub, den Körper fast tot, und Anna rammt dem rasenden Vatertier eine Glasscherbe tief in den Rücken, was ihm für immer das Herz bricht. Die Szene ist anderthalb Seiten kurz, aber hat mich verschreckt, aber ebenso mit Anna, Cooper, Claire und den Alten für den Rest des Buches verbunden. Ich möchte mit ihnen bis zur letzten Seite und noch weiter gehen. Doch während Ondaatje seine Geschichte Divisadero fortschreibt, lässt die frühen Fäden fallen und springt hinein in eine andere Geschichte, rüber nach Frankreich, zu anderen Schicksalen. Schon klar, so eine Komposition, die diese biographische Wehmut bei mir anrichten kann, schreibt sich nicht schlicht an einem Strang entlang fort . Nach jedem Komma wartet die nächste Überraschung. Trotzdem, ich habe erst Anna und dann Cooper vermisst, während ich weiterlas.
Nachdem der Alte die Liebenden Cooper und Anna auseinander prügelte, und damit aus der wichtigsten Zeit ihres Lebens vertrieb, floh Anna, um viele, viele Jahre später in der Gegend von Toulouse und auf den Spuren eines Dichters namens Lucien Segura, berühmt am Anfang der vorigen Jahrhunderts, anzukommen, wo sie dessen Lebensspuren zu einem Bild zusammenschiebt und bei dieser Montagearbeit sich selber ausbessert, - sich selber befragt, ohne laut Antwort zu gebe, bis eines Tages nicht ein warmer Regen, sondern ein nächster Mann über die Wiese herüber in ihre Einsamkeit hinein geschlendert kommt. Er ist ein Sänger, ein Zigeuner, mit Kräutern in den Hosentaschen. Er fängt an zu erzählen. Sie fängt an zu erzählen. Erzählen heilt.
Michael Ondaatje, der Autor von Romanen wie „Der englisches Patient“. „Buddy Boldens Blues“ oder „Anils Geist“, ist ein Stimmenarrangeur, ein Bildermaler, ein Choreograph der Gefühle. Er liebt den Jazz. Unsentimental, mit viel Kraft setzt er seine Stoffülle in einem eigenen Zeit-und-Raum-Schema zusammen, bis Sequenzen sich einschreiben, als seien sie ein Stück von einem selbst, das man noch nicht gelebt hat. Längst habe ich begriffen, ich muss mich hinsetzen und das Buch noch einmal lesen, wenn ich Anna und Cooper wiedertreffen will. Ihre Liebe ist bis zu letzten Seite da. Sie ist da in der Form.
Zeruja Shalev, Liebesleben, Berlin Verlag
Ihr Leben ist in Ordnung, mehr als das anderer junger Frauen. Sie muß nicht an der Kasse eines Supermarkts arbeiten, sie sieht gut aus, hat eine Karriere an der Universität vor sich, hat einen Mann, der etwas schafsgesichtig, aber lieb und zutraulich und treu ist, sie haben gemeinsam eine schöne Wohnung mit flauschigen Badehand-tüchern und gelb gestrichenen Wänden. Sie und er nennen sich Wühlmäuschen und Biber, die Kindersprache derer, die keine Kinder haben und stattdessen allmählich selber kindisch werden. Je mehr sie den Wunsch nach Leidenschaft am weichen Körper ihres freund-lichen Mannes vergißt, desto unbeherrschter wird sie eines Tages Leidenschaft überraschen.
Die Tür zu Ja ’aras bisherigem Leben fällt zu als ein Fremder ihr die Tür zur Wohnung ihrer Eltern öffnet. Da ist es um Ja ’ara geschehen. Die eigene Bedürftigkeit muss ihr bisher nicht klar gewesen sein, aber mit klarem Bewusstsein schaut sie zu, wie die Ja ’ara, die sie mal war, eine Liebesversessene wird und eifrig dabei ihr Leben verpfuscht.
Ich muss noch etwas zur Autorin sagen. Zeruya Shalev, Jahrgang 1959, hat mit Liebesleben ihren zweiten Roman geschrieben. Sie ist im Kibbuz Kinneret geboren und lebt in Jerusalem. Die Sprache, mit der sie sich auf diese amour fou stürzt, treibt die Figur der Ja ’ara an und um, macht auch ihren Wahnsinn deutlich. Jedes gerade eben gefundene Wort hat einen Gegner, der ist das nächste Wort. Den Sätzen legt sie die Schraube an und dreht an ihnen so lange, bis ein Sog entsteht, der erleichtert in den nächsten Satz entlässt. Und doch wieder nicht. Man kommt von einer Not in die nächste, und das Netz, das den Leser auffängt, ist eine der Autorin eigene Komik. Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich und formal ist es ein schönes und mutiges Buch
Innenbalkone
Sie hat mir sehr gefallen, als ich sehr jung war.
An einem Tag kurz nach Nikolaus stand ich in der Bücherei unserer
Kleinstadt, die ungefähr dreimal so groß war wie unser Wohn-
zimmer Zuhause, und fragte die Frau mit der Hasenscharte an der
Ausleihe, ob ich mal rüber gehen dürfe von der Kinderbücherei
in die Erwachsenenbücherei? Dort war der Bodenbelag grün, auf der Kinderseite war er rot. Wie alt bist du denn, fragte die Frau mit der Hasenscharte. Vierzehn, sagte ich, und musste mich nicht einmal
auf die Zehenspitzen stellen. Gut, dann geh, sagte die Frau mit der
Hasenscharte. Ich zögerte: Aber Erwachsenenbücher, die sind doch nicht immer in Reimen geschrieben, oder?
Es war das erste Mal, dass ich die Frau mit der Hasenscharte lachen sah. Der Anblick war unheimlich, und ich ging eilig von Rot nach Grün. Das erste Buch, dass ich aussuchte, nahm ich wegen des Einbands mit. Es war eine Tänzerin darauf, und der Titel hieß: Menschen im Hotel. Mit dem Buch bin ich dann eine Woche lang sehr glücklich gewesen, und deswegen suchte ich am nächsten Freitag, als ich es zurückgab, ein Buch mit einem ähnlichen Cover . Ein weiteres Buch vom gleichen Autor zu suchen, darauf kam ich damals nicht.
Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass der Autor eine Autorin war. Übrigens, meine Mutter hat eines der Bücher dieser Autorin
auf dem Klo gelesen, in den fünfziger Jahren, kurz bevor sie ge-
heiratet hat. Auch meine Großmütter lasen sie. Meine Großmütter
waren beide Dienstmädchen, meine Mutter war Verkäuferin, und
meine Tante, an die sie ihre gelesenen Bücher weiter verlieh, auch.
Ich stehe also in einer gewissen Tradition, mit meinem literarischen
Geschmack.
Was, nach eigener Aussage bei der Autorin meines ersten Er-
wachsenenbuchs am stärksten die Eingebung stimuliert, ist Geld!
Das gefällt mir. Langsam im Denken zu sein bedeutet, schnell beim Schreiben zu sein, sagt sie. Das gefällt mir auch. Ihr Anlauf zum Schreiben, so habe ich später einmal gelesen, ist aus der Not geboren. Ihr erster Mann war seiner eigenen Begabung als Dichter und Redakteur einer kleinen Literaturzeitschrift so sehr verfallen, dass er kaum noch schreiben konnte. Er ließ sie die Geschichten,
die man bei ihm in Auftrag gab, produzieren, unterschrieb die fertigen Manuskripte und strich das Geld für den gemeinsamen Haushalt ein. Was sie dazu sagte? An einem Mann gefalle ihr sein gutes Aussehen, sagte sie. Verführbar sei sie durch Schönheit, Männlicher Intellekt interessiere sie erst in zweiter Linie. In ihren Büchern wimmelt es deswegen auch von schönen, dafür wenig schlauen Männern, die immer eins gemeinsam haben: Sie rauchen. Gefällt mir auch, im Leben und in der Literatur. Um ihre Bücher, die melodramatisch sind, genießen zu können, muss man sich in einem Zustand der Gnade befinden, der Unwissenheit, auf dem Nullpunkt des Bewusstseins. Aber für die Ökonomie meines psychischen Haushalts sind solche Bücher ebenso unerlässlich und wichtig wie Träume. In diesem Zustand gefalle ich mir, - besser, falle ich mir weniger auf die Nerven. Ich will die Stunden mit einem Buch von ihr nicht missen, Stunden, die sind wie ein langer, müßiger Nachmittag auf dem Balkon.
Wer sie ist?
Eines Tages, erzählt sie (die Autorin), als ihr Ältester ungefähr zehn Jahre alt war, warf er beide Arme um ihren Hals und verkündete liebevoll: Ich habe jetzt alle deine Bücher gelesen, Mutti. Worauf sie erwartungsvoll fragte: Na, und wie gefallen sie dir? Er streichelte ihr Gesicht. Ach, arme kleine Mutti, die sind ja so blöd und langweilig. Sagte der Sohn von Vicki Baum.
Peter Stamm, Agnes, Arche Verlag
Ein junger Mann lernt in einer Bibliothek eine junge Frau kennen,
die keine besondere Schönheit ist, aber ein Geheimnis hat, ein Geheimnis, das wie eine Selbstverständlichkeit in ihre Augen gehört. Sie spricht über den Tod. Sie gehen Kaffeetrinken. Sie sprechen über das Leben. Sie sitzen auf einer Treppe vor der Bibliothek und ver-
lieben sich ineinander. Die Frau bittet den Mann, ihre gemeinsame Geschichte zu schreiben. Er geniert sich. Er tut es. Die Frau zieht
mit einem Bein zu ihm und wird schwanger. Der Mann will das Kind nicht. Da verliert er die Frau zum ersten Mal, und als sie sich wiedersehen, hat sie das Kind verloren. Sie bittet ihn, die Geschichte des Kindes zu schreiben. Er geniert sich. Er tut es. Wenn man sich beim Schreiben schämt, dann werden die Sätze oft einen Kopf größer als man selber ist?
In Peter Stamms Roman "Agnes" beginnt das Leben, das auch möglich gewesen wäre, den Text zu diktieren. Der Text beginnt dem Leben seine anderen Möglichkeiten zu diktieren, wenn er die Wirklichkeit überholt und in die Zukunft voraus eilt. Der Mann, der schreibt, wünscht sich etwas und schreibt es hin, auch wenn er sich wieder einmal dafür schämt. Wünsche sind potentielle Handlungen,
und einmal hingeschrieben werden sie zum Katalysator für die Wirklichkeit. Es ist bei Peter Stamm nicht so kompliziert wie es bei mir hier klingt. Sein Roman Agnes hat eine stille, ruhige Kraft, und die Gefahr, von der er berichtet, meistert Peter Stamm wie ein großer Maler. Soviel Licht, soviel Licht im Dunkeln. Unbedingt Lesen!
Daniel Pennac, Paradies der Ungeheuer, Kiepenheuer & Witsch
Der Hauptdarsteller heißt Benjamin Maulaussène, und er wird
dafür bezahlt, an allem schuld zu sein. Er ist angestellt in der Reklamationsabteilung eines großen Pariser Kaufhauses. Aufgabenbereich: Sündenbock. Die Kunden, die sich beschweren, versteht er so zu rühren, dass sie von weiteren Schadensersatzan-
sprüchen gegen die Direktion absehen. Aus Mitleid für Malaussène. Wenn Malaussène weint, vergisst jeder Kunde, was er eigentlich wollte. Denn Malaussènes Begabung ist das Erzählen. Der Autor Daniel Pennac und seine Hauptfigur Benjamin Malaussène haben das gleich Glaubensbekenntnis: Erfinden ist nicht Lügen. Erfinden heißt. mit der Wirklichkeit so umgehen, dass sie einem abenteuerlich gut tut. Benjamin Malaussène ist als ältester Bruder sowohl der Vater seiner fünf jüngeren Geschwister als auch der seiner kindlich gebliebenen Mutter. Der Hund Julius ist der Erwachsenste in der Familie. Für die Kleinen dichtet Benjamin am Abend seinen Alltag
im Kaufhaus, um in einen wilden Roman. Der wird kurz vor dem
Zu-Bett-Gehen in Fortsetzung erzählt, damit die kleinen Brüder besser schlafen und die bereits größeren drei Schwestern den großen Bruder noch zärtlicher lieben. Die Malaussènes sind ein glückliche Familie. Eines Tages jedoch geht in Benjamins Kaufhaus eine Bombe hoch. Kurze Zeit später zeigt ein Feuerwehrmann auf den zugedeckten Leichnam, dem die Hose offen steht. Und was hat der Hund der Familie Julius auf dem Foto zu suchen? Ein altes Verbrechen wird durch Familie Malaussène aufgeklärt. Ein Krimi, nah am Märchen und nah am Milieu.
Nils Fredrik Dahl, Auf dem Weg zu einem Freund,
Kiepenheuer & Witsch
"Auf dem Weg zu einem Freund" ist ein poetischer, aber schwarzer Roman und hat zugleich eine große Wärme und Kraft wegen eines nicht einfach zu ortenden inneren Lichts. Die Geschichte wechselt zwischen zwei Ebenen. Auf der gegenwärtigen erfahren wir, dass Vilgot, der Vierzigjährige einen Elefanten am Hals hat, den ein russischer Wanderzirkus bei ihm im Stall zurückgelassen hat, wie man eine Waise zurücklässt. Auf der Ebene der Vergangenheit erfahren wir, wie Vilgot, der Elfjährige, ständig auf dem Weg zu einem Freund, unter den Gleichaltrigen keinen findet und schließlich den Colamann trifft. "Ich bin auf dem Weg zu einem Freund", sagt Vilgot. Der Colamann nickt. "Ich kann dich fahren."
Das ist vor über dreißig Jahren gewesen.
Vilgot redet in den Jahren danach nicht, aber seine Erinnerung nimmt eine Form an, die zu schwer ist für ihn, die Form eines Elefanten. Und eines Tages steht tatsächlich ein Elefant in Vilgots Stall. Vilgot freundet sich mit dem Elefanten an. Er freundet sich mit dem fremden Gewicht in seinem Leben an. Und eines anderen Tages lässt Vilgot den Elefanten frei. Da hat das Erzählen längst begonnen.
Erich Kuby, Das Mädchen Rosemarie, Neuauflage Rotbuch Verlag
Das Buch ist 1958, ein Jahr nach dem Tod der Hauptdarstellerin Rosemarie Nitribitt, erschienen. Der Roman von Erich Kuby wurde begeistert von vielen gelesen, die sonst eigentlich nicht so gern lasen. Kuby griff den bis heute ungeklärten Mord an der Prostituierten Nitribitt auf. Sie hatte eine geheime Kundenliste geführt. Ihre Besucher gehörten in die obersten Etagen jener Konzerne, die die Garanten des Wirtschaftswunders waren. Der Roman von Kuby führt mich nah heran an diese Männer von damals, so dass sie bis sie bis zu mir herüber aus den Haaren nach Brisk riechen. Rosemarie Nitribitt ist seit bald fünfzig Jahre tot und längst vom Gesellschaftsskandal zur Ikone geworden. Wenn damals Bauknecht wusste, was Frauen wünschen, so war es Rosemarie Nitribitt, die genau zu wissen schien, was Männer wünschten. Das war ihr Marktwert. Sie war bestellbar beim Hotelportier, verfügbar für 150 Mark die Stunde, sie war blond, schlank, traumhaft sachlich und hatte genug Verstand, nichts zu reden. Sie lächelte, ohne zuvor eine Aufforderung dazu an der Windschutzscheibe ihres dunklen Mercedes 190 SL Cabrio gelesen haben zu müssen.
Gilles Rozier, Eine Liebe ohne Widerstand,
DuMont Literatur und Kunst Verlag
Der Autor Gilles Rozier hat in jiddischer Literatur promoviert, sein Großvater väterlicherseits war Deutschlehrer. Deutsch ist eine Sprache, die einen wichtigen Platz in seiner Familie einnimmt. Er ist Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris. Sein Großvater Moyshe wurde ermordet in Auschwitz. Jiddisch ist die Sprache dieses Großvaters gewesen.
Der Erzähler, seine Schwester Anne und die dicke Mutter leben in einem schönen Haus hinter Akazien in einer französischen Provinzstadt während der deutschen Besatzung. Die Schwester Anne gleicht ihrem Land: Sie ist leicht zu haben. Sie lässt sich beschlafen vom SS-Mann Volker, im ersten Stock des Hauses. Im Keller des Hauses versteckt der Erzähler eine Bibliothek der verbotenen Bücher in deutscher Sprache, und in der Bibliothek den Juden Herman, den er liebt und mit dem er so oft wie möglich schläft. Denn in seiner achtjährigen Ehe hat er mit seiner Frau so lange nicht geschlafen, bis sie sich umgebracht hat. Zwischen dem ersten Stock und dem Keller steht parterre die Mutter am Herd und hört von oben den Kronleuchter klingeln, wenn der SS-Mann ihre Tochter besteigt, und hört sicher auch das Rumoren im Keller, wenn ihr Sohn hinter Kistenstapeln und Weinregalen aus seiner Einsamkeit zum Leben erweckt wird von einem Herman, von einem versteckten Juden, der diesen komischen Dialekt spricht, den der Erzähler anfänglich für Berliner Schnauze hielt: Jiddisch.
Der Erzähler scheint in der Geschichte nach Jahrzehnten des Schweigens zum ersten Mal über die Vergangenheit zu sprechen. Es ist ein alter Mann, der über sein Verlangen von damals und die befremdlichen Schlupfwinkel der menschlichen Seele spricht. "Wenn ich nicht so gern mit Herman geschlafen hätte, hätte ich ihn mir irgendwann eines Tages vom Halse geschafft, davon bin ich überzeugt", sagt er. "Nur mein Verlangen nach ihm hatte mein heldenhaftes Tun gelenkt. Ich war ein lebendiges Wesen, endlich. Ich hielt aus Egoismus durch. Ich konnte nicht auf ihn verzichten. Eine wahrhafte Liebe.«
Georges Simenon, Die Nacht an der Kreuzung.
Krimi, Diogenes Verlag
Ein in einem französischen Provinznest lebender Däne entdeckt in seiner Garage den funkelnagelneuen Wagen seines Nachbarn, eines Versicherungsvertreters, und darin die Leiche eines Mannes. Sein eigenes altes Auto findet sich dagegen bei eben diesem Nachbarn wieder. Der Ermordete ist ein Diamantenhändler. Aber wer ist der Mörder? Und wer hat die Autos vertauscht und warum? Kommissar Maigret muss bald feststellen, dass in den drei an der Kreuzung stehenden Häusern nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Wer ist die angebliche Schwester des Dänen wirklich? Ist der Versicherungsvertreter so krank wie er tut? Und was spielt sich in der Autowerkstatt ab? Das Geheimnis der drei Häuser verbirgt den Mörder.
Simenon-Lesen macht süchtig. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass auch die Arbeitsweise Simenons ansteckend ist, dass jener seltsame, wie Trance anmutende Zustand des Autors, in dem der schrieb, sich auf den Leser überträgt. Dass die Abgründe seiner Seele, aus denen heraus Simenon schreibt, den Lesenden in die eigenen Abgründe drängen. So dass man mit der gleichen Dringlichkeit liest, wie Simenon schrieb. Das gibt eine Form von Nähe, als hätte man an einer Geschichte, nein, an einer Welt gerochen, in der man nur ein Buch lang leben darf. In der man glücklich ist, auch mit einem unglücklichen Ende.